Spielzeit 2019

 November 2019

Photo von Wilfried Beege

Photo von Wilfried Beege

Marie-Luise Scherer

Wenn Reporter rasend sein sollen, ist Marie-Luise Scherer das Gegenteil: Vierzig Zigaretten koste sie mancher Satz, berichtete sie einmal, und so versteht man, dass sie schon zwei gute Sätze am Tag für ein Glück hält. Liest man dann aber eine ihrer Reportagen, fünfzig oder hundertdreißig Seiten lang, wird man kein Wort finden, das überflüssig ist. Marie-Luise Scherer ist die Legende unter Deutschlands Reportern, und wenn sie wieder einmal einen Preis erhält (Börne, Heinrich Mann, Italo Svevo et cetera), beeilen sich die berühmtesten Schriftstellerkollegen, ihr Loblied zu singen, von Hans-Magnus Enzensberger über Brigitte Kronauer bis hin zu Martin Mosebach. Zuletzt hat Christian Kracht sie in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen als einen Einfluss genannt. Dabei sind im Laufe von vier Jahrzehnten kaum mehr als eine Handvoll Meistererzählungen entstanden, die nichts als Wirklichkeit sind. Zum Glück werden sie ein ums andere Mal in Buchform aufgelegt, so in diesem Jahr wieder „Die Hundejahre“ bei Matthes & Seitz. Inzwischen ist Marie-Luise Scherer über achtzig und lebt in einem wendländischen Dorf an der Elbe, unweit der ehemaligen Grenze zur DDR. Nach dem Skandal um den Fälscher Claas-Hendrik Relotius, der tatsächlich der Skandal eines Systems ist, das Schund erwartet, produziert und selbst prämiert, freuen wir uns umso mehr, dass uns die bedeutendste Reporterin Deutschlands besucht.

Donnerstag, 28.11.2019, 20.30 Uhr, Kölner Stadtgarten 

Moderation: Guy Helminger und Navid Kermani

Eintritt: 12 € regulär, 9 € ermäßigt für Schüler, Studenten, Kölnpass

 

Die weiteren Termine:

30. Januar 2020: Zu Gast im Literarischen Salon: Saša Stanišić